The Wolfer

Porträt, August 2013, Transhelvetica

Angy Burri ist Musiker, Naturkenner, Berufsindianer. Und er hat den ersten Western der Schweiz gedreht. Unterwegs auf den Spuren von «The Wolfer», drei Jahrzehnte später.

Hier kann nur Indianerland sein: geschwungene Hügel, der Fluss wie aus Quecksilber, ein grünes Meer aus Tan­nen und Gras. Es ist später Nachmittag, die Hitze lässt die Landschaft flirren und Angy Burri wird schwärmerisch. So sieht Montana aus, sagt er, und fährt mit der ausge­streckten Hand den Hügelzügen entlang. Mit der ande­ren fasst er an die Krempe seines schwarzen Filzhutes, an dem eine Feder im Wind flattert. Dann schüttelt er den Dreck von seinen Stiefeln und stapft weiter Richtung Wildnis.Ein Mann, ein Hut, im Niemandsland – ein Bild wie aus dem Wilden Westen. Am Glaubenberg, Kanton Obwalden, Innerschweiz.

Wir sind unterwegs mit Angelo «Angy» Burri, 73, Musiker, Harleyfahrer, Berufsindianer. Und: Er hat den ersten Western der Schweiz gedreht. «The Wolfer» ist ein fast vergessenes Stück Schweizer Kinogeschich­te – und eine Ode an die Innerschweiz. Drei Jahre hat Burri für den Film gebraucht und ihn von 1975 bis 1978 unter unmöglichsten Umständen gedreht. Die Einstellungen filmte er fast alle in den verwinkeltsten Ecken Obwaldens. Heute, 34 Jahre später, kehrt er zu­rück an die Originalschauplätze.

Mitten im Kernwald liegt ein Sumpfgebiet mit ei­ner bezaubernden Waldlichtung und dem kleinen Gerzensee, in dem sich die umliegenden Berge spiegeln. Wer über den Pfad aus Holzschnitzel zur Lichtung kommt, der glaubt, ein Gemälde zu betreten. Doch Angy Burri knurrt. Ein grosses Schild ist hier in den weichen Boden gerammt: Reiten verboten. Ausgerechnet hier, wo er und seine Freunde die wil­desten Verfolgungsjagden zu Pferd unternahmen. Hier, wo sie mit den Planwagen hinzogen und ihre Tipis aufstellten, um wochenlang zu zelten. Um, so nebenbei, einen Film zu drehen.

In den 1970er Jahren zog Burri mit Freunden und Familie immer wieder über Monate in die Obwaldner Wildnis, um wie die Indianer zu leben. Sie waren eine verschworene Gemeinschaft, von aussen argwöhnisch beäugt, nur waren sie nicht Hippies sondern Cowboys. Sie trugen selbstgeschneiderte Kleidung aus Leder und Jeans, kunstvoll gestickte Perlenhemden, hochschaf­tige Stiefel; sie reisten mit Pferden, kochten auf dem Lagerfeuer und badeten sich in den Bächen und Seen. Und immer, wenn sie sich neues Filmmaterial leisten konnten, drehten sie an Angys Monumentalwerk. Ein Film, der anders sein sollte als alle Western, die man bis dahin gesehen hatte. Der Plot ist schnell erzählt: Big Angy (Burri selbst), Typ Einzelgänger, zieht in die Berge eines Sioux­Indianer­Reservats, um Wölfe zu jagen. Unterwegs verliebt er sich in eine Indianerin – die bezaubernde Ogalala «Bergblume». Nach einer Jagdsaison zieht er mit ihr in eine Blockhütte, wo sie von zwei Cowboys missbraucht und getötet wird. Der Rest des Films ist eine Verfolgungsjagd in vielen Akten. Doch die Story ist nur Mittel zum Zweck: «The Wolfer» ist eigentlich ein ausgeklügeltes Lehrstück über Indianer­Kultur. Und der Beweis, dass auch die ver­schrobensten Träume wahr werden können. Träume wie jener des Indianers in den Alpen.

Die malerische Lichtung am Gerzensee hat es Burri besonders angetan: Der perfekte Mischwald! Rot­tannen wie in Montana! Ein See wie der Snakeriver am Yellowstone! Manchen Sommer hat er hier ver­bracht, ernährte sich von Heidelbeeren und Chili con Carne, schlief unter dem Sternenhimmel. Heute wäre das nicht mehr möglich. Der Kernwald ist zur Natur­schutzzone geworden, begehbar einzig über den frisch gelegten Holzsteg, der über das Flachmoor führt. «Erlebnisparcours» steht auf einem Pfeil daneben. Eine Familie auf Mountainbikes rattert über den Steg, Burri schüttelt den Kopf und flucht. «Ich bin ja auch ein Naturliebhaber. Aber so doch nicht!» Am liebsten hätte er den Wald für sich alleine. «Früher interessier­te sich keine Sau für den Wald. Und jetzt haben Biker plötzlich mehr Rechte als Reiter.»

Das ist das Dilemma der Indianer: Dass sie immerfort vertrieben werden. Sogar an den Orten, wo sie eigent­ lich nichts verloren haben. Die Ironie der Geschichte will es, dass Burri selbst sein Stück zur wochenendli­chen Übervölkerung der Wälder beigetragen hat. Mit seiner unermüdlichen Begeisterung für den Wilden Westen infizierte er über Jahrzehnte hinweg die gan­ze Innerschweiz, organisierte Westernbälle und Wes­ternfestivals, tourte mit seiner Band «The Apaches» über Hunderte von Bühnen, brachte den Country­Rock in die Hitparade. Das Publikum liebte den kauzigen Indianer, der auf seiner Harley hergebraust kam und vom Geist der Natur redete. Als sein Film in den Kinos lief, war er 16 Wochen lang ausverkauft. Und während Angy durch die Welt zog, wurde aus der rohen Inner­schweizer Wildnis langsam eine gepützelte Ausflugs­destination. So zumindest sieht es Angy selbst.

Dem Burri darf niemand auf die Zehen treten. Sonst blafft er ihn an, schüttelt drohend die Faust, spart nicht mit Kraftausdrücken. Angy war ein Loner, ein Einzelgänger, stur und geradlinig, schon immer. Ein eigensinniger Mann, der sich seine eigene Welt ge­schaffen hat und damit glücklich geworden ist. Trotzdem: Die Sache mit dem Indianertum, die nimmt Angy Burri sehr genau. Er ist ein Purist, ein sturer Bock, wie er selbst sagt. Jedes Detail seiner Werke ist einem historischen Vorbild nachempfunden, jeder Charakter seines Filmes von einer realen Figur beein­flusst. Burri hat im Laufe seines Lebens so viele Dinge gesammelt und gebastelt, dass er sie an verschiedenen Orten lagern muss. Einer davon ist im Luzerner Indus­triegebiet, in einer überfüllten Garage, wo er mit seinen Freunden an den Harleys rumwerkelt und seine «Höhle» versteckt ist: Ein mit Holz getäferter Saloon, an dessen Ende eine massive Bar thront. Darüber ist eine Leinwand aufgespannt, auf die Angy abends Wes­tern projiziert. Meistens schaut er sie alleine – zusam­men mit seinen ausgestopften Tieren. Luchse, Bären, Wölfe – geschossen von einem befreundeten Jäger.

Die Filme guckt Burri vor allem wegen der Landschaft. Inhaltlich seien sie oft nicht sau­ber, sagt er. «Da sind manchmal die Statisten so haarsträubend falsch verkleidet – so würde ich meine Kinder nicht mal an die Fasnacht las­ sen!» Es ist die Landschaft, die ihn zum Filmen inspiriert hat. Als junger Mann erkundete er mit dem Nachrichtendienst des Militärs die verlassenen Ecken der Schweiz. Burri war die Spürnase, las Karten, fand sich in der Natur zurecht. So sehr, dass er immer wie­ der dorthin zurückkehrte.

Hinter dem Kernwald liegt der Wichelsee; ein kleines Gewässer vor steilen Felswänden, das aussieht wie der Silbersee selbst. Ein Steinwurf von da klafft, ein­ gerahmt von Baumreihen, ein ausladendes Flussdelta aus weissen Steinen. Angy Burri hüpft über das dünne Rinnsal eines Baches und schaut sich um. «Das hier ist wie der Cheyenne­River», ruft er und freut sich. Die Hitze des Tages wabert über den Steinen, ein paar Familien haben ihre Sonnenschirme in den Boden ge­graben und fläzen sich in Campingstühlen. Ein paar Jungen stehen an einem Seitenarm des Flusses und stauen das Wasser mit melonengrossen Steinen. Ein junger Mann steht in Shorts vor einer selbstgemach­ten Feuerstelle und brutzelt Würste auf einem kleinen Stand­rost.

«So macht man das heute?», fragt Burri und kratzt sich am Kopf. «Jä jo», brummt der junge Mann. «Ich glaub, ich verreck!», ruft Burri. Er erzählt, wie er frü­her Spiegeleier direkt auf den heissen Steinen gebra­ten hatte. Das Huhn dazu – im Käfig – war ständig mit dabei.

Zum Showdown geht es in die Höhe. Die kurvige Berg­ strasse hoch, die nur aus Dreck bestand, als Angy mit seinem Tross hier hochzog, hinauf auf den Rücken der Pilatuskette. Sie liegt da wie ein langer Schatten des Luzerner Hausbergs. Viele der Bergspitzen sind steil und kantig, mit schroffen Hicken im Gestein, als hätten die Götter von Hand Kerben reingeschlagen. Einmal oben, fühlt es sich an wie im Niemandsland. Von Weitem sieht man die Gipfel der Alpen. Eine Aura der Unwegsamkeit umgibt die Gegend, wie sie sonst nur im Hochalpinen zu finden ist. Angy nennt sie die Black Hills der Schweiz.

Bei Langis führt eine kleine Strasse weiter in ein Sei­tental hinein. Am Ende der Strasse, versteckt in ei­ner Talmulde, taucht ein kleines Gehöft auf. Ein paar Häuser, eine Kapelle, ein Selbstbedienungsrestaurant. Schwendi­-Kaltbad heisst der Ort. In «The Wolfer» war hier die Poststation. Hier kommt es im Film zum gro­ssen Showdown, zum Highnoon am Glaubenberg. Sechs Monate waren sie hier oben und haben gebastelt und eigens eine Poststation gebaut, das Restaurant zum Saloon umfunktioniert. «Wir waren nicht so produktiv damals und haben immer zuerst gegessen und dann gedreht», sagt er zwischen zwei Bissen Schwendi­Alp­ Bratkäse. «Wir haben gelebt, wie wir es für richtig fan­den. Freedom is a state of mind. Ohni Scheiss jetzt.» Doch Angy Burri schaut nicht nur zurück. Er plant sei­nen nächsten Coup, sein vielleicht letzter Pfeil im Kö­ cher dieses Lebens. Ein neuer Film soll es sein, über Schulkinder der Lakota­Indianer. Bereits hat er neue Schauplätze dafür erkundet, unter anderem am Luk­manier­pass. In der Hauptrolle spielt – wer sonst? – Big Angy himself.

Photos von Matteo Gariglio.