Die vergessenen Talente

Reportage, Juli 2014, SonntagsZeitung

Sie träumten von der ganz grossen Karriere und hatten auch das Talent dazu. Doch kurz vor dem Durchbruch kam alles ganz anders.

Für Bekim Halimi gab es nur Fussball. Und alle sagten: Du wirst es, Bekim. Wenn es einer wird, dann du. Der neue Alex Frei, Spitzenstürmer des FC Basel. Du wirst an die WM fahren, das Nationaltrikot mit der Nummer 10 tragen, Tore für die Schweiz schiessen. Hopp Bekim Halimi!

Heute kratzt sich Bekim Halimi, 26, Lagerist in Basel, am Kopf und schaut ins Leere: «Warum es nicht gereicht hat? Alle fragen mich das.» Bekim Halimi hatte alles, was es braucht: einen Antritt wie eine Raubkatze, das Durchsetzungsvermögen eines Bullen, eine goldene Nase für Torchancen. Und eine Spielfreude und Cleverness, die seine Gegner zu Statisten machte.

Dabei war er immer der Jüngste. Mit sechs Jahren spielte der Schweizer mit mazedonischen Eltern seine erste Saison bei Kleinhüningen BS. Er war so jung, er musste heimlich mit der Lizenz eines anderen spielen. Mit sieben dribbelte er alle seine Freunde schwindelig. Mit neun spielte seine Mannschaft ein Freundschaftsspiel gegen die Kleinsten des FC Basel. FC Basel? Bekim hatte noch nie davon gehört. Doch als der FCB-Trainer nach dem Spiel auf seinen Vater zuging und sagte: Supertalent – da schien es schon beschlossene Sache zu sein. Bekim und der FCB, das konnte nur gut kommen.

Er ballerte sich hoch, der Junge mit dem Turboantritt, schoss 20, 25 Tore pro Saison, jedes Jahr in einer neuen Mannschaft. Mit vierzehn trainierte er mit der ersten Mannschaft des FCB. Das war 2002, das Jahr des phänomenalen Champions- Lea­gue-Erfolgs, ein Traumteam mit dem argentinischen Stürmerduo Gimenez und Rossi, Zuberbühler in der Kiste, dazwischen die Yakin-Brüder. Und irgendwo hinter den Banden: der kleine Bekim, der gierig jeden Spielzug aufsog.

Bekim Halimi begann ein Leben als Profi-Sportler zu führen, kannte nichts ausser Training und Spiel. Er wurde Torschützen-König in der Junioren-Nati, schoss durchschnittlich in jedem Länderspiel ein Tor. Die Zeitungen schrieben ihn in alle Höhen. Die grossen Talente dieser Zeit: Ivan Rakitic, Valentin Stocker, Yann Sommer, Bekim Halimi. Scouts weltweit wurden auf ihn aufmerksam, Angebote von Chelsea und Tottenham flatterten rein.Der Sportchef eines grossen Schweizer Clubs legte ihm 30 000 Franken bar auf den Tisch. Doch Halimi tat, was er heute bereut: Er blieb vernünftig und beim FCB.

«Irgendwie dachte ich, es kann nur weiter aufwärtsgehen», sagt Halimi. Laut dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) beginnen in der Schweiz jährlich 15 000 Knaben neu mit dem Fussballtraining in einer Mannschaft. Ab der Altersstufe der 12-Jährigen treten 2000 davon in die Talentschmieden, wo sie gezielt gefördert werden, über. Der SFV verfolgt dabei zwei Ziele: «Wir rechnen damit, dass pro Jahrgang 15 Profifussballer hervorgehen und dass darunter zwei bis drei sind, die in der Nationalmannschaft spielen werden», sagt Peter Knäbel, Sportdirektor des Verbands.

Wolfgang Vöge kennt die Zahlen. Er ist seit über 25 Jahren Spielerberater. Seine Agentur IFM berät die Nati-Stars Barnetta, Lang oder Sommer. Wenn die jungen Talente mit ihren Vätern bei ihm im Büro sitzen, redet er Klartext: «Es gibt zehn Teams in der Super League. Pro Team 25 Spieler. Das sind 250 Arbeitsplätze in der höchsten Liga, wobei die Hälfte mit Spielern aus dem Ausland besetzt wird. Und jeder, der bei mir sitzt, will einen Platz. Dabei werden pro Jahr maximal zehn frei. Verstehen Sie?» Vöge ist ein Profi. Diese Rechnung hat er schon x-mal vorgetragen und die Reaktionen sind immer dieselben: «Die Väter gucken mich dann verdutzt an und sagen: ‹Aber mein Sohn ist einer von denen!›» Von der Karriere als Fussballprofi träumen Tausende. Was vor allem übrig bleibt, sind geplatzte Bubenträume.

Es ist 2008, das Jahr der Fussball-EM in der Schweiz, und Bekim Halimi entscheidet sich zu gehen. Nach zwölf Jahren und Hunderten von Toren für die Jugendmannschaften des FC Basel hat er genug. «Alles, was ich wollte, war eine Chance in der ersten Mannschaft. Stattdessen wurde ich ausgenutzt», sagt Halimi. Obwohl ihm die Führung fortwährend Hoffnungen machte, wurde er nie in der ersten Mannschaft eingesetzt. Das Prinzip des damaligen Trainers Christian Gross: Stürmer müssen gross sein. Halimi war mit 174 gut zehn Zentimeter zu klein. Und er war nicht das einzige Talent, das es nicht in die erste Mannschaft schaffte.

Gökhan Inler, heute Captain der Nati, ging es ähnlich. Beide verliessen Basel. Inler kämpfte sich durch, ging kurz ins Ausland, kam zum FC Aarau, schaffte den Sprung zum FCZ. Doch Halimis Hürden waren höher. Der FCB verlangte eine Ablösesumme in der Höhe von einer halben Million. Interessenten sprangen wieder ab. Halimi war zu klein für die eigene Mannschaft und zu teuer, um den Klub zu wechseln. Weil er ganz auf die Karte Profi-Fussball gesetzt hatte, gab es auch keine Alternative. Da stand er plötzlich, 20 Jahre jung, ohne Job und Ausbildung. «Das macht einen psychisch kaputt», sagt er heute.

Schliesslich wechselte Halimi in die 1. Liga, zu den Old Boys, dann zum FC Laufen, wo ihm zwar nicht viel Geld geboten wurde, dafür Hilfe bei der Stellensuche. Seit fünf Jahren arbeitet Halimi jetzt bei der Logistik-Firma Fossil in Reinach BL. Inzwischen ist er zum stellvertretenden Leiter aufgestiegen. Die Fussballschuhe hat er an den Nagel gehängt. «Ich hatte eine geile Zeit. Draussen zu sein, Fussball zu spielen, das würde ich am liebsten für immer tun», sagt Halimi, «mit dem Profi-Fussball habe ich aber abgeschlossen.» Nur manchmal, wenn er seine Freunde im Nati-Dress spielen sieht, juckt es ihn, dabei zu sein. Mitzuspielen. Dann schreibt er ­ihnen eine SMS: Gut gemacht, Jungs! Hopp Schwiiz!

Raul Cabanas weiss gar nicht, wer für die Weltmeisterschaft in Brasilien aufgestellt ist. Der 28-jährige Zürcher verfolgt den Schweizer Fussball schon lange nicht mehr. Hinter ihm prangt ein blau-weisses GC-Graffito, ein Mahnmal in der Ruine, wo längstens ein neuer Hardturm stehen sollte. Über der Stadionbrache regnet es.

Vor zehn Jahren stand Raul Cabanas hier im Trikot des Grasshopper-Clubs Zürich auf dem Rasen. Hier hat er die Talentschmiede durchlaufen und vom Mittelfeld aus für seinen Traum gekickt. Heute schnuppert er im Büro eines Personalberaters. Geplant war alles anders.

Als 19-Jähriger stand Cabanas kurz vor dem Durchbruch. Er war einer von vier Nachwuchsspielern der U-21-Mannschaft bei GC, die einen Fünfjahresvertrag erhielten. Nun ging es um den letzten Schliff der Talente. Die Luft wurde immer dünner, nur einer, maximal zwei, würden es schaffen.

Cabanas stand unter Druck. Nicht zuletzt, weil der schweizerisch-spanische Doppelbürger aus einer Fussballerfamilie stammt. Sein Onkel ist ein ehemaliger Profi und heute Spielervermittler. Sein Cousin ist Ricardo Cabanas, der während seiner 15-jährigen Karriere bei GC in Zürich, in der Bundesliga und in Frankreich spielte und für die Schweizer Nationalmannschaft 51 Partien bestritt. «Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mir wegen meines Namens keine Fehler erlauben durfte», sagt Cabanas.

Im Real-Madrid-Leibchen ging er sonntags als kleiner Junge mit seinem Vater an Spiele, um Freunde anzufeuern. In der Schule dachte er nur an den Pausenmatch. Als Junior spielte er bei YF Juventus, und als er zwölf Jahre alt war, wechselte er in die GC-Fussballschule in den Hardturm. Mehrere Trainings pro Woche, bald mehrere täglich. Verkürzte Schulferien, weil Camps und Intensivwochen auf dem Programm standen. Kein Alkohol und Ausgang als Teenager, weil er in Form bleiben musste.

Bald kamen in der U-18 Neid und Missgunst auf, wenn ein anderer schneller, flinker, torsicherer war. «Der Konkurrenzkampf wurde immer spürbarer», erinnert er sich. Richtig hart wurde es in der U-21, als er den Fünfjahresvertrag erhielt. Unter dem damaligen Trainer Krassimir Balakov kam Cabanas zu mehreren Einsätzen in der ersten Mannschaft. Der Traum des Fussballprofis schien in Erfüllung zu gehen. Doch dann folgte die Ernüchterung: Hanspeter Latour, ein neuer Trainer, der nicht auf ihn setzte. Cabanas sass auf der Ersatzbank. «Nur zu trainieren und nicht zu spielen, ist das Frustrierendste, das dir passieren kann», sagt er. Der damals 20-Jährige fand sich gefangen in einem Teufelskreis aus Leistungsdruck, Hoffnung und Rückschlägen.

Schliesslich wechselte er zum FC Wohlen in die Challenge League, dann zeigte ein Team aus Ungarn Interesse. Der Schweizer Club verlangte eine hohe Ablösesumme. Das nagt bis heute an ihm: «Die hatten mir versichert, dass sie mir keine Steine in den Weg legen würden, und taten es trotzdem. Der Fussball ist leider oft ein Drecksgeschäft», sagt Cabanas. Mit 23 Jahren gab er die Hoffnung auf. Er sagt: «Man stellt es sich viel zu einfach vor. Es braucht so viel Mut, in sich zu vertrauen und sein eigenes Spiel zu spielen. Und im richtigen Moment muss dann einer noch auf dich setzen.»

Über der Stadionbrache hat sich der frühe Abendhimmel aufgetan. Cabanas blickt auf das, was vom Hardturm übriggeblieben ist. Schutt, Unkraut. Eine traurige Geschichte. Was Cabanas am meisten schmerzt, ist, dass er seinen Vater enttäuschen musste: «Mein Vater hat mich immer unterstützt und meine Entscheide respektiert. Aber es hätte ihn so stolz gemacht, wenn ich Profi geworden wäre.» Doch bereuen tut Raul Cabanas nur etwas: Er hat das Training den Abschlussprüfungen für das Handelsdiplom vorgezogen. Jetzt steht er als 28-Jähriger mit leeren Händen da.

Nachwuchsförderung ohne Berufsausbildung – das gibt es beim FC Zürich nicht. «Wir verlangen von den Jungs, dass sie nebenbei eine Ausbildung absolvieren», sagt FCZ-Talentscout Thomas Bickel. Der Club helfe bei der Stellensuche und auch bei der Vermittlung von Familien, die junge Spieler aus anderen Kantonen bei sich aufnähmen. «Ein gutes Umfeld ist entscheidend», sagt der frühere Nationalspieler.

Das sieht Dany Ryser auch so. 2009 führte er die Schweizer U-17-Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel. Mehr als die Hälfte des Kaders, das ab nächster Woche in Brasilien um den Pokal kickt, spielte in jungen Jahren unter ihm. Dany Ryser ist überzeugt, dass Trainer und Berater nur die Voraussetzungen schaffen, die finalen Entscheide lägen immer beim Spieler. Er sagt: «Die Jungs müssen eine unglaublich hohe Lernmotivation mitbringen. Aber die nützt nur, wenn sie sich kontinuierlich in Lernfortschritte umwandeln lässt. Stress und Druck sind enorm, und das kann nur bewältigt werden, wenn das Umfeld stimmt», sagt Ryser.

Wenn Bubenträume in die Mühlen der Realität geraten, bleibt oft nichts als Enttäuschung und Ratlosigkeit. Es sei denn, man hat einen Plan B, wie zum Beispiel Jan Wuhrmann. Dabei sah es erst so aus, als ob er den nie brauchen würde.

Es ist das letzte Testspiel vor Wuhrmanns grosser Chance. Der 19-jährige Basler würde mit der ersten Mannschaft des FCZ spielen können. Dem Trainer und der Mannschaft zeigen, dass er einer der Besten ist. Ein Verteidiger mit Disziplin und Zug. Ein konstanter Schaffer. Einer, der fünf Jahre auf diesen Moment hingearbeitet hat. Und dann kommt dieses gestreckte Bein des Gegenspielers. Wuhrmann knickt ein, bleibt liegen. Der Arzt sagt später: Bein gebrochen. Der Trainer gibt dem Nächsten eine Chance.

Fünf Jahre später sieht man ihm den Fussballer nicht mehr an: Wuhrmann trägt einen tadellos sitzenden Anzug, er ist inzwischen Asset-Manager beim Versicherer Swiss Life. Wuhrmann wählt die Worte wie einer, der lange über diese Zeit nachgedacht hat. Für ihn ist das Dossier Profi-Fussball abgeheftet und archiviert.

Dabei war es nicht der Bruch selbst, der ihm die Lust verleidete. Wuhrmann wollte weiterhin spielen. Also trainierte er, ein 19-Jähriger im Fitnesscenter, pumpte an seinem Comeback. Die Uhr tickte. Er musste zurück in den Konkurrenzkampf, sich beweisen, irgendwie die entstandene Lücke füllen. Doch zurück auf dem Rasen, war er nicht mehr der alte Jan. Manchmal blitzte sein grosses Talent auf, aber Wuhrmann spürte, dass er es nicht mehr schaffen würde. Er wechselte nach Basel, U-21, blieb unzufrieden. Als irgendwann das Angebot eines Challenge-League-Clubs kam, fragte er sich: Will ich das so? Und entschied sich dagegen.

Denn Wuhrmann hatte ein Ass im Ärmel: seine Ausbildung. Der FCZ liess ihn neben dem Fussball das KV machen, später begann er bei Swiss Life. «Vielen Fussballern fehlt der Blick nach aussen, ausserhalb der Fussballwelt. Die Arbeit half mir, realistisch zu bleiben», sagt er. Wuhrmann tauschte den Rasen mit dem Büro. Das Umfeld sei bei solchen Entscheidungen wichtig: «Wenn der Zug abgefahren ist, muss es den Jungs jemand sagen. Denn die Trainer und Manager, die tun das nicht.»

Was ihn störte, war die Übermacht des Vereins auf sein Leben: die völlige Abhängigkeit. Wann er zu trainieren hatte, wann mal zwei Stunden frei waren. Und am Ende wurde über die eigene Zukunft entschieden. Der Spieler wird so zum Spielball in der Vereinspolitik. «Wenn du nicht das absolute Talent bist, sitzt du am kürzeren Hebel», sagt Wuhrmann. «Als 15-Jähriger ist man sich nicht bewusst, was dahinter ist. Man denkt: Es ist ja nur Fussball, und das mache ich gerne.»

Trotzdem würde er es wieder tun. «Es war eine grossartige Zeit, und ich habe viel gelernt: harte Arbeit, mentale Stärke, Disziplin.» Und noch etwas hat er gelernt: «Dass es manchmal anders kommt, als man denkt.»

Artikel entstanden in Zusammenarbeit mit Stephanie Rebonati.